"Zu ihrem Gedächtnis": Gottesdienst zum Palmsonntag

Pfarrerin Sabine Winkler, Pfarrer Moritz von Niedner und Organist Richard von Niedner (beide in Auerbach) haben einen Audio-Gottesdienst zum Palmsonntag aufgenommen.

Hier finden Sie den Gottesdienst zum Anhören (leider lässt er sich nicht in einer großen Datei hochladen - öffnen Sie nacheinander die einzelnen Teile):

1. Begrüßung, Lied

2. Gebet, Lesung, Lied

3. Predigt:

4. Lied

5. Fürbitten, Vaterunser, Segen

Hier finden Sie die Texte, die Lieder und die Predigt:

Gottesdienst am Palmsonntag 5.4.2020

Lied: Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken (EG 91, 1+5-6)

1. Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken, / mich in das Meer der Liebe zu versenken, / die dich bewog, von aller Schuld des Bösen / uns zu erlösen.

5. Seh ich dein Kreuz den Klugen dieser Erden / ein Ärgernis und eine Torheit werden: / So sei’s doch mir, trotz allen frechen Spottes, / die Weisheit Gottes.

6. Es schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder, / es stürzt mich tief, und es erhebt mich wieder, / lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde / zu Gottes Freunde.

Lesung: Joh 12, 12-16

LIed: Wie soll ich dich empfangen (EG 11, 1+2)

    1. Wie soll ich Dich empfangen und wie begegn ich dir, / o aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier? / O Jesu, Jesu, setze mir selbst die Fackel bei, / damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei.

    2. Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin / und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn. / Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis / und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß.

Predigt

Liebe Gemeinde! Nur sechs Tage dauert es, bis aus den „Hosianna“ Rufen vom Palmsonntag das „Kreuzige ihn!“ des Karfreitags wird. Von einem dieser Tage berichtet das heutige Predigtwort beim Evangelisten Markus, er nimmt uns mit hinein in ein Geschehen, das empört und zutiefst berührt. So lesen wir in Mk 14:

3Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. (Mk 14, 3-9)

Liebe Gemeinde,

mit dem Gedächtnis, ist das ja so eine Sache … manchmal bleibt das Negative eher hängen als das Positive, Unwichtiges mehr, als das eigentlich Wichtige.

Besonders schade finde ich es, wenn mir der Name einer Person einfach nicht einfällt! Ich sehe das Gesicht vor mir, weiß genau, wo ich sie getroffen habe, aber der Name - ? Vergessen!

Vergessen - auch der Name jener Frau, die Jesus in Betanien gesalbt hat (schon beim Aufschreiben, beim Nacherzählen der Geschichte durch den Evangelisten Markus … vergessen).

Dabei sagt doch Jesus ausdrücklich: Man wird das erzählen „zu ihrem Gedächtnis“.

Liebe Gemeinde, ich frage mich:

Wenn die Krise, die wir zur Zeit erleben, überstanden ist, wer wird uns im Gedächtnis bleiben? Welche Personen und Namen werden wir erinnern?

Sicherlich - unsere Politiker*innen, die - wie ich finde, ihre Sache sehr gut machen! Wir werden uns an den Chef des RKI erinnern und an die Wissenschaftler*-innen, die uns beraten haben. Und an die vielen Männer und Frauen die in Altenheimen, in Krankenhäusern, Pflegediensten, bei Polizei und Feuerwehr ihren Dienst tun.

Aber werden wir uns auch erinnern an die Frau an der Supermarktkasse? An den Postzusteller? An die Rentnerin, die Mundschutz-Masken genäht hat? An die Jugendlichen, die für ihre alten Nachbarn einkaufen gegangen sind? An die Künstler*innen, die ihre Musik kostenlos ins Internet stellten und die Blumenhändlerin, die all ihre Blumen verschenkte?

So viele Menschen tun gerade so viel für uns! Von den wenigsten wissen wir die Namen!

Wer wird uns im Gedächtnis bleiben?

Liebe Gemeinde,

mit dem heutigen Bibelwort erinnern wir uns an eine Frau und ihre Liebe zu Jesus - und an Jesu Liebe zu uns!

Schauen wir zurück zum Ort des Geschehens: Der triumphale Einzug Jesu in Jerusalem am Morgen war vorüber, „Hosianna unserem König“ hatten sie gerufen und ihm gehuldigt! Am Abend hat sich Jesus vor den Menschenmassen zurückgezogen, er geht wieder vor die Stadt hinaus nach Betanien, dort wohnen Freunde von ihm. Bei ihnen ruht er sich aus von dem Trubel.

Wir finden uns in einer familiären Szene wieder - das berührt mich grade jetzt sehr, weil hier eine so große Nähe und Vertrautheit herrscht - eine Nähe zu lieben Menschen - auf die viele in diesen Wochen wegen der Ansteckungsgefahr gerade verzichten müssen.

Jesus sitzt also mit seinen Freunden zusammen, sie essen, sie reden - da betritt die Frau den Raum. Vielleicht ist sie gar nicht aufgefallen, weil sie sowieso zum Haus des Simon oder zum Kreis um Jesus gehört hat. Aber was dann geschieht macht alle erst mal sprachlos:

Die Frau stellt sich hinter Jesus, holt ein kleines Fläschchen hervor aus hellem polierten Stein - Alabaster, ein edles Material! Sie bricht das Siegel auf, mit dem das Gefäß verschlossen ist und gießt den Inhalt auf Jesu Kopf.

Sofort erfüllt ein warmer, erdiger, angenehmer Geruch den Raum - es ist Nardenöl. Kostbar ist es und sehr teuer, weil es von weit her kommt, und weil es rein, also unverfälscht und nicht gestreckt ist.

Alles, wirklich alles davon gießt sie Jesus über den Kopf und massiert es behutsam mit ihren Händen ein.

Ein kleines Vermögen - verschüttet!

Egal! Es geht ums Ganze.

Wie kostbar das Gefäß ist, wie teuer das Öl - es spielt keine Rolle. Denn die Frau hat nur ein Ziel: Sie will zu Jesus und genau dies tun, ihm etwas Gutes tun, ihrer Zuneigung Ausdruck geben, ihre Verehrung und Liebe zeigen!

Es ist ein Zeichen ihrer Hingabe - ein großes Geschenk! Sie hat Freude am Schenken - und ich bin mir sicher: auch der Beschenkte, Jesus, hat es genossen.

Ein perfekter Moment - eingehüllt in einen wunderbaren Duft.

Doch dann kommen die Kritiker (wie immer!) mit ihren Einwänden, mit ihrer Vernunft, mit ihren Berechnungen!

„Was für eine Verschwendung“ rufen sie!

300 Denar - soviel war das Öl mindestens wert - der Jahresverdienst eines Arbeiters damals! Weg - ausgeschüttet! Was hätte man mit dem Geld nicht alles - besseres - anfangen können!

Ich versuche, mich einzufühlen in die beiden, die sich die Vorwürfe anhören müssen: Die Frau und Jesus. Beide, alles ist noch in Duft gehüllt, noch hat niemand verstanden, was hier überhaupt los ist, und da wissen einige schon genau Bescheid und rufen: „Unmöglich! Verschwendung! Vergeudung! Was du gemacht hast, ist falsch! Was du gerade genossen hast, das war nicht richtig! Das steht dir nicht zu. Sie hätte das nicht tun dürfen. Du darfst das nicht gut finden.“

Die Kritiker machen den Moment kaputt, die Frau und Jesus sollen sich schämen - für das Geschenk, und dafür, es angenommen zu haben!

Aber Jesus lässt das nicht zu. Er verteidigt nicht sich, aber er nimmt die Frau in Schutz: „Macht diese Frau nicht traurig! Bekümmert sie nicht! Seht doch, was sie wollte. Sie hat es gut gemeint und gut gemacht. Sie hat das Beste getan, was sie konnte.“ Ja, sie hat etwas getan, was die anderen nicht konnten. Hat etwas gesehen, was die anderen nicht sahen.

Die Frau hat zeichenhaft etwas getan, was sonst nur Propheten taten: Öl auf den Kopf gießen, das ist das Zeichen für den König! Der Gesalbte! Der, den Gott einsetzt als Herrscher in Macht und Ehre.

Sie hat Jesus zum König gesalbt - und doch: er wird ein anderer König sein, als es die Menschenmassen bei seinem Einzug nach Jerusalem erwarteten. Jesus, der Christus, wird als König den unteren Weg gehen. Er wird keine Macht für sich wollen, wird ein König sein, der den Menschen dient, sich erniedrigt und unschuldig stirbt. Einer, der sich hingibt, ganz und gar.

Aber weil das die Menschen nicht erkennen, wird aus ihren Jubelrufen, aus dem Hosianna, schnell ein „Kreuzige ihn!“ werden.

Doch das ist noch Zukunft. Jesus rettet den Moment und lässt die Kritiker verstummen: „Die Armen laufen euch nicht weg. Ihnen könnt ihr immer Gutes tun. Was diese Frau getan hat, war im Voraus für mein Begräbnis.“

Jesus rettet den Moment und wendet sich der Liebe und dem Leben zu.

Die Frau hat etwas neu gesehen und danach gehandelt.

Hat mit dem Herzen erkannt, welcher König Jesus ist.

Jesus weiß sich und seine Botschaft durch sie verstanden.

Jesus sieht und spürt die Liebe hinter dem Tun der Frau. Er bleibt mit ihr im Jetzt, im Moment. Und öffnet doch gleichzeitig eine Tür, einen Blick in die Zukunft. Ganz verstehen werden das viele erst viel später - wenn Jesus auferstanden ist, wenn er sich als der wahre Herr und König des Lebens erwiesen hat.

Wo das Evangelium gepredigt wird auf der ganzen Welt, da wird man auch dies erzählen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Zu ihrem Gedächtnis - und doch ohne Namen.

Auch wenn der Name vergessen ist, die Liebe dieser Frau bleibt im Gedächtnis - und sie weist voraus auf Jesu Liebe, mit der er sein Leben für uns hingab.

Liebe ist das einzige, das sich vermehrt, wenn wir es teilen!

Jesu Liebe war sogar so mächtig, das aus seinem Kreuz der Baum des Lebens wurde!

Amen.                                 Pfarrerin Sabine Winkler

Lied: Holz auf Jesu Schulter (EG 97, 1-6)

1. Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, / ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht. / Kehrvers: Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. / Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

2. Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt / Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt. / Kehrvers

3. Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht. / Doch der Himmel sagt uns: Alles ist vollbracht! / Kehrvers

4. Wollen wir Gott loben, leben aus dem Licht. / Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht. / Kehrvers

5. Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu. / Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du? / Kehrvers

6. Hart auf deiner Schulter lag das Kreuz, o Herr, / ward zum Baum des Lebens, ist von Früchten schwer. / Kehrvers

Fürbitten

Gott,

bei dir ist kein Mensch vergessen – du kennst uns alle mit Namen.

Wir bitten dich für alle, die wir leicht aus dem Blick verlieren: für die, die den Laden am Laufen halten oder die Intensivstation. Für die Obdachlosen, die nicht zu Hause bleiben können. Für die Flüchtlinge in den Lagern, die sich nicht aus dem Weg gehen können. Gib uns einen weiten Blick, damit wir nicht nur unsere Probleme, sondern auch die Not anderer wahrnehmen.

Wir bitten dich für alle, die zurzeit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, für die Krisenmanager in Politik und Gesundheitswesen: Gib ihnen Kraft, damit sie dem Druck der Verantwortung standhalten. Schenke ihnen Mut und Weisheit, damit sie die richtigen Entscheidungen treffen. Lass sie darauf vertrauen, dass auch sie aus deiner Vergebung leben dürfen.

Wir bitten dich für alle, die es gerade schwer haben: für alle Kranken und alle, die sich um sie sorgen. Wir denken an die, die einen lieben Menschen verloren haben und nicht weiter wissen.

Wir bitten dich für uns: dass wir uns ein Beispiel nehmen an der ungenannten Frau in Bethanien. Stecke uns an mit verschwenderischer Liebe. Lass uns Gutes tun, ohne nachzurechnen, ob es sich auch lohnt.

Gott, du bist in Jesus Christus unser Bruder geworden. Lass uns deine Nähe spüren – heute, morgen und in Ewigkeit.

Amen.